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Unser erster Corona-Sommer: Brauchen wir eine neue Form des Arbeitens oder ein neues Mindset?

drei surreale Figuren vor seltsamer Landschaft

Die COVID-19-Krise veränderte und verändert auch weiterhin viele unserer Lebensbereiche. Vor allem aber das Arbeits- und Wirtschaftsleben. Einige können oder wollen nun nicht so weiterarbeiten wie bisher und orientieren sich neu. Das neue Tun lässt sich aber nur dann gut umsetzen, wenn auch das Mindset dafür passt.

Vielleicht haben sich viele von uns mittlerweile an die Auswirkungen des Corona-Virus (zumindest ein bisschen) gewöhnt. Das jeweilige Ausmaß der Gewöhnung hängt auch stark von den sehr unterschiedlichen Veränderungen in den eigenen Lebensbereichen ab.

Als Personaldiensteisterin beobachte ich die Situation am Arbeitsmarkt und in den Betrieben genau und registriere dabei vor allem die Veränderungen und den Umgang damit sehr bewusst. Insbesondere HR-Verantwortliche und Führungskräfte sind jetzt und in den nächsten Monaten gefordert und werden maßgeblich beeinflussen, wie die Unternehmen die Krise erleben und ob sie die damit verbundene Chance nutzen können. In einigen Fällen wird man feststellen müssen, dass sich das Geschäftsmodell aus der Zeit vor Corona wenig eignet, um auch in Zukunft erfolgreich zu sein und daher Handlungsbedarf besteht.

Viele Arbeitnehmerinnen haben entweder ihre Jobs verloren oder sind in Kurzarbeit gegangen und tragen durch Einkommenseinbußen und den Abbau von Urlaubstagen dazu bei, dass ihre Arbeitgeber wirtschaftlich überleben können. Andere Arbeitnehmerinnen sitzen womöglich wartend zu Hause und verlassen sich auf eine Wiedereinstellungszusage. Wieder andere arbeiten in ihrem bisheriges Stundenausmaß weiter oder sogar mehr als vor Corona, wie z.B. die viel besprochenen medizinischen Berufe und Mitarbeiterinnen in Supermärkten. Jene, die in den letzten Wochen ihren Job behalten haben, dürften die Krise wohl vergleichsweise glimpflich überstehen, wenn wir den gesundheitlichen Faktor hier bei unserer Betrachtung für den Moment außen vor lassen.

Unternehmen sind unterschiedlich stark betroffen

Bei großen und mittelgroßen Unternehmen kommt es stark auf die Branche an, ob sie zu den Gewinnerinnen oder Verliererinnen zählen (werden). Besonders schwer trifft es aktuell noch immer Gastro- oder Tourismusbetreiberinnen, die IT-Branche beispielsweise scheint hingegen auch in nächster Zeit ein wesentlicher und jobsicherer Bereich zu sein.

Auch Ein-Personen-Unternehmen (EPUs), Kleinst- und Kleinbetrieben stehen vor einer großen Herausforderung. Wegbrechende Aufträge, mangelnde Alternativen und geringes Eigenkapital sind die Hauptgründe für die dortigen Probleme. Die öffentlichen Hilfsgelder dürften zwar großteils gerade noch rechtzeitig ankommen, aber auch hier wird es einige Unternehmen nach der Krise nicht mehr geben.

Veränderungen gibt es aber für alle Menschen, sei es das Abstandhalten, die Maskenpflicht in manchen Bereichen oder die Einschränkungen im öffentlichen Raum. Wir werden uns vermutlich daran gewöhnen, wenn wir es nicht zum Teil ohnehin schon getan haben.

Weitermachen wie bisher oder neu orientieren?

Eine Unterscheidung können wir einerseits zwischen jenen Arbeitnehmerinnen und Selbständigen treffen, die – wenn auch mit Änderungen – so weiterarbeiten können wie bisher und jenen, die sich ganz neu orientieren können, wollen und oft auch müssen. Arbeiterinnen in der Produktion müssen Abstand zu ihren Kolleginnen halten oder sich auf veränderte Schichtpläne einstellen. Sachbearbeiterinnen erledigen derzeit noch und vielleicht auch künftig große Teile ihrer Arbeit im Homeoffice und stehen mit ihren Kolleginnen und Vorgesetzten über Videokonferenzen in Kontakt. Lehrerinnen ergänzen ihre Methodik um digitale Inhalte und Friseurinnen vergeben ihre Termine so, dass im Warteraum genügend Abstand zwischen den Kundinnen gegeben ist. Das alles ist und war zumindest in der Umstellungsphase aufwendig, spart andererseits aber auch vieles ein, durch beispielweise wegfallende Fahrten bei Online-Terminen.

War das alles? Wenn sich ohnehin schon alles „bewegt“, ändert und plötzlich Dinge umgesetzt werden können, die vorher noch unmöglich erschienen sind, taucht bei vielen Arbeitnehmerinnen und Führungskräften der Gedanke auf: „Was heißt das konkret für mich? Was verändert sich in meinem Job und passt das (noch) für mich? Will ich oder muss ich etwas ändern? Und wenn ja: Was genau kann und soll ich ändern?“

Diese Frage ist bei einigen Menschen verbunden mit einer Überforderung, die einhergeht mit der Vielzahl an Möglichkeiten, das für sie Passende zu finden, auszuwählen, möglichst richtig einzuschätzen und umzusetzen. Erich Fromm nannte dies treffend „Die Furcht vor der Freiheit“. Die Chancen, die sich sowohl für Selbständige in einer Neuausrichtung als auch für Arbeitnehmerinnen auf Jobsuche bieten, sind keine garantierten Erfolge, aber verlockende Ziele. Es erscheint nahezu paradox, dass die daraus entstehenden neuen Möglichkeiten zu einer Überforderung führen können, während sich gerade viele von uns die Zeiten als sehr einschränkend und unfrei wahrnehmen.

Die Sinnfrage als Basis für Entscheidungen

Auf dem Weg zur Entscheidungsfindung empfiehlt es sich, die Frage vom „Was will ich machen“ wegzulenken und das „Warum“ in den Mittelpunkt zu stellen. Dahinter versteckt sich nichts anderes als die große Frage nach dem Sinn, in der aktuellen Literatur neudeutsch unter dem Begriff „Purpose“ zu finden. Diese Art von Fragestellung sind die meisten von uns nicht gewohnt, man sollte sich aber von ihr auch nicht abschrecken lassen. Es reicht durchaus, eine neue Idee für ein „Was ich tun will“ ergänzend mit der Frage „Wofür mache ich das“ zu prüfen. Wenn man hier für sich selbst eine befriedigende Antwort geben kann, passt auch das „Was“ und verspricht sinnhaftes Tun.

Jemand, der diese Thematik auch anhand seines eigenen höchst dramatischen Lebens wie kein anderer erarbeitet hat und für die breite Masse weg vom philosophischen Diskursthema hin zu einer praktischen Anleitung für jedermann entwickelte, war Viktor E. Frankl. Er beschrieb schlüssig, dass jeder mit dem, was er gut kann und gerne macht, durch die Suche nach dem richtigen Platz dafür, zutiefst zufrieden werden kann. Lassen Sie sich beeindrucken von einem seiner Bücher oder besuchen Sie – das ist meine persönliche Empfehlung – das Viktor-Frankl-Museum in Wien! Sie finden dort wertvolle Anregungen für Ihre eigenen Überlegungen aus dieser Krise heraus, und Sie werden sehen, dass die Beschäftigung mit dem Sinn einerseits viel Trost bei Kummer und Sorgen und andererseits viel Freude für Ihr gegenwärtiges und zukünftiges Tun und Sein verspricht.

Dieser Blogbeitrag wurde verfasst von:  Birgit Sciborsky, DOPEG GmbH, www.dopeg.at

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